“neue wege des plastischen gestaltens in österreich” katalogbeitrag 1984

der »presse« vom 3. 10. entnehme ich folgende bemerkung¹: »orwell fürchtete jene, die bücher verbieten würden. huxley hatte angst, daß es gar keinen grund mehr geben würde, bücher zu verbieten. orwell glaubte, wir würden im gleichschritt und in handschellen in den untergang getrieben werden, während huxley davon überzeugt war, daß wir ganz von allein in den abgrund tanzen würden – mit einem idiotischen lächeln im gesicht.«

die welt des peter kogler ist eine huxley’sche, bei verwischter perspektive freilich; das futurologische moment darin hat nichts phantastisches an sich, es ist heimlich längst wirksames, übliches gift. das futurum wird in dieser »schönen, neuen welt« nicht mehr zu brauchen sein, es hat die präsenz längst ausgehöhlt. koglers kartonkonstruktionen sind hohlräume, bestehend aus planer fassade und leerem grund, aus simultaner anschauung und aus plastischem begriff.

gleichgültig ist die fülle der smarten, schwarzen männchen – spekulanten, spieler, tänzer – gegen die differenzierung der wahrnehmung. uniform, ziel- und endlos verstreuen die figürchen sich über die fläche, stehen dabei aber doch plastisch im raum und artikulieren den einen begriff: den des rahmens.

ein konzeptualismus wird darin spürbar, dem nicht die schärfung der begriffe und deren verhältnis zur anschauung am herzen liegt, sondern die drastisch-plastische ausgestaltung eines einzigen sinns.

seit der neolithikum hat der rahmen die funktion des ausgrenzens und absonders des bildes übernommen; im expressionismus wird er als begriff noch theoretisiert: erst die inselhaftigkeit, die differenz von innen und außen, von konzentrierter illusion und ausgebreiteter wirklichkeit, garantiere die kunst.

die kunst des peter kogler siedelt danach, läßt jahrtausende der ordnungssucht und des formwillens vergessen. die moderne, informatisierte nachgeschichte kennt nur mehr das binäre zahlsystem: figur oder grund, und keines darf mehr überwiegen. solche enthierarchisierung bedeutet freilich das ende der unterscheidbarkeit von rahmen und kunst. und noch mehr: die vibrierenden oberflächen-hüllen lassen den blick in die tiefe gar nicht mehr zu: entweder die kunst haust im rahmen oder im nirgendwo, im rahmen aber ist sie plastisch. das plastische ist also bei kogler ein begriffliches, ein einziges, ein schales und beliebiges. die austauschbarkeit aller werte wird besonders in der zusammenarbeit mit wolfgang stengl deutlich, hier des schweren und des leichten, des zentrums mit der peripherie. einmal stammt das innenstück von stengl und das »rahmenstück« von kogler, dann umgekehrt. ideell ist dennoch in beiden fällen der rahmen von kogler, der den sperrigen, immer zentrierten beton stengls beengt. stengl verwendet den beton um eines realen effektes willen (siehe unter stengl), bei kogler ist der illusionismus das wesentliche, die simulation durch das plastische gelingt perfekt. das bedeutet nicht bloß uniformierung von rahmen und kunst, sondern die fundamentale gleichschaltung von organik und anorganik. architektonisches lächeln und menschliches konstrukt werden rangier-elemente derselben kategorie in der binarisierten epoche. die welt als dorf, ein medieneffekt, den marshall mcluhan prophezeit, inszeniert kogler in form einer kleinbühnenarchitektur: darin sichert einzig eine art rustikaler schlauheit das überleben gegen die neuen techno-strategien. die überlistung gelingt aber immer zum eigenen schaden. nie mehr läßt sich die tölpelhaft grinsende maske verrücken, nicht dahinter, sondern darin, beschränkt und angepaßt, will man verborgen sein.

h.d.

¹ aus dem eröffnungsvortrag zur frankfurter buchmesse, gehalten von neil postman, professor für media ecology, n.y.